Erwähnungen

Adriano Leverone: Form als Autobiografie.
Carlo Pizzichini – Siena 2014

Wahr ist das alte Sprichwort, das sagt: „… in den Künstlern stimmt das Leben mit der Kunst überein, Kunst und Leben sind das Gleiche.“ In Adriano Leverone dies gilt umso mehr. Seine schönen und hässlichen biografischen Begebenheiten spiegeln sich in seinem gesamten Werdegang, in seinem existentiellen Weg wider, der sich in einen formellen Leitweg, einen mit vielen Schwierigkeiten verbundenen künstlerischen Fortgang mit dem typisch süßsauren Geschmack des Lebens umwandelt; so als stelle jede Form eine Etappe eines Leidensweges für schwierige Augenblicke oder ein mit Sonne gefülltes Segel für die glücklichen und hoffnungsvollen Momente dar.

Ende Januar machten wir uns auf die Suche nach Adriano Leverone. Wir trafen ihn an einem durchgehend regnerischen Tag an, auf einer abenteuerlichen Reise ins Val Fontanabuona, auf der Höhe von Lavagna, von wo aus wir unsere Fahrt entlang eines Hochwasser führenden Flusses fortsetzten und eine eingestürtzte Brücke mit enormen Verkehrsschwierigkeiten umfuhren. Doch eigensinnig, wie wir waren, hielten wir dem Wetter stand, und erreichten ihn, oder besser gesagt, spürten ihn dort oben, im Norden dieses berühmten Tals von Italien auf, in dem Schiefer bzw. Schiefertafeln gewonnen werden. Sein zurückhaltender und fast verschlossener, typisch ligurischer Charakter wurde nach und nach zugänglicher, bis er sich uns in Erzählungen über seine in der Welt gesammelten Erfahrungen sowie in existentiellen und seine Tätigkeit betreffenden Geständnissen gänzlich öffnete, so wie man es mit Freunden hält, mit einer formellen Aufrichtigkeit und, wie ich meine, mit einer seltenen Tiefgreifigkeit, die die umliegende, zuerst halbwilde, dann häusliche, wenn nicht auch fast aristokratische Atmosphäre zu verändern wusste. Leverone, zurückhaltend und gleichzeitig wählerisch, praktisch, doch auch einfühlsam erahnt und erfindet Formen, die sich als wahre Präsenzen in seinem Leben zeigen, bzw. gibt diesen Präsenzen, wie Gemütszustände, Emotionen, Begebenheiten oder Personen, eine Form. Kurzum, seine Formen sind seine Autobiografie, die Studie ist der Umschlag, in dem er seine losen Blätter sammelt, die Skulpturen sind die Seiten und die Reden, die Rauheit und der Glanz gewisser Steinzeugflächen sind die Worte, seine Farben sind der Klang, die Reime, die Betonung und die Akzente, seine Samen sind die Punkte und Kommas. Wahre Emotionen, Reaktionen und Präsenzen, die sich unbewusst in Formen verwandeln. Leverone ist ein Bildhauer, der seine Werke aus Keramik bzw. Steinzeug fertigt, weil er der Welt sein Leben mit Formen zu offenbaren beabsichtigt. Formen, die mit dem Glanz der Lacke, einer Art Textur, einem Netzwerk, einem Schriftstück aus kleinen, mal leichten, mal tiefgreifenden Formen bereichert sind, je nachdem, ob es sich um einen Moment handelt, in dem er zähneknirschend dem Leben entgegentritt, oder heiter dem Leben zulächelt. Seine Einfühlsamkeit und die Grundsätze seiner Tätigkeit machten ihn vor zwanzig Jahren zum Protagonisten einer wegbereitenden Erfahrung im Bereich der Erziehung und Rehabilitation von Blinden, und führten ihn dazu, zusammen mit dem Komponisten Stefano Scala einen Parkour der taktilen „Wahrnehmung“ von Oberflächen und Formen aus Keramik zu realisieren, ein Weg, den er mit Formen und Materien auf entschiedene Weise weiterverfolgte und Werke mit dieser Art von wahrnehmender Gestaltung schuf. ………… Schon in jungen Jahren realisierte er Formen auf dem Drehtisch, um schließlich auf durchgezogene Linien, Hochreliefs und geformte Skulpturen überzugehen. Als Ligurier fühlt er sich von dem Schein des Meeres und der finsteren Melancholie der Steine, der Felsen und der Natur angezogen. Pflanzenformen, Muscheln, Schwämme, Sujets organischen Ursprungs gehören zu seinen bedeutendsten Interessebereichen. In der Stille seines Ateliers findet dann vielleicht ein halber Apfel in seiner plastischen Tätigkeit einen obsessiven Anhaltspunkt, der sich in der formellen Forschung und im Ausdruck der Lebenskraft hervorhebt. Dieses Mikrokosmos verwandelt sich in ein Makrokosmos von unendlichem Potential. Der Samen, der aus seiner Höhlung zutage tritt, gibt die Möglichkeit, ihn herauszuziehen, eingreifen zu können. Hohle und konvexe, volle und leere Formen, Behälter und Inhalt werden entgegengesetzt oder durchdringen sich. Er realisiert Säulen aus Raku-Modulen. Geht auf die Blöcke Land und Meer über, wo sich die interne Lebendigkeit und das Äußere in einem Farbspiel, das vom Blau zu Hellblau, vom Türkis bis zu den Erdfarben reicht, entgegenstellen. Danach widmet er sich einer Reihe von Werken, die sich auf die Vielschichtigkeit des menschlichen Wesens sowie auf dessen Art und Weise beziehen: Schalen, Schilder, gepanzerte Krieger, um sich vor aggressiven Situationen zu schützen. Persönlichkeiten, die uns ansehen und uns beurteilen, Autoritäten, Generäle, Vikare und Knappen, die sich schnell, mit der autobiografischen, von schwerwiegenden Problemen und Bitterkeit charakterisierten Einleitung in fixe Ideen verwandeln, die nicht weiterleben lassen; die Penetranti (die Riefgreifenden), die aus Raku gefertigt wurden, auch mit spektakulären Brenn-Vorstellungen vor dem Publikum. Verformte und fast abscheuliche Profile, die aus einer von Reliefs und Einkerbungen, Unebenheiten und Glätte gekennzeichneten Materie realisiert sind und das Ergebnis einer persönlichen existentiellen Betrachtung darstellen. Eine vielschichtige Tätigkeit von häufig beachtlichem Ausmaß, die mit der Einfachheit der von den Emotionen erfundenen Formen zustande gebracht wird. Jean Foutrier sagt: „In der Kunst gilt nur das Maß an Sensibilität im Künstler. Und die Kunst ist nur das Mittel, sie zu verkörpern. Ein unscheinbares Mittel allerdings, ohne Regel und Gesetz..“ Ich bin davon überzeugt, dass Adriano Leverone dieses Maß an Sensibilität besitzt, und um es zu verkörpern, hat er die Keramik, das Steinzeug, das bedeutende Mittel des Menschen gewählt, das uns mit unscheinbaren und unvermuteten Formen in Staunen versetzt. Diese an den Menschen gerichtete Liebesbezeugung setzt die Figuren und Formen von Leverone Idolen, Göttern und heiligen Persönlichkeiten gleich, die uns streng anschauen und die künstlerischen Erfahrungen, die der Bildhauers in Italien und im Orient sammelte, erzählen, und führt dazu, dass der Preis Antike Töpferkunst 2014 der Nobile Contrada del Nicchio an Adriano Leverone mit Verdienst und im Einklang mit den in dieser interessanten Auflage behandelten Thematiken übergeben wurde.

Edoardo Di Mauro, Oktober 2007

Adriano Leverone ist ein Künstler, der uns ohne Vermittlungen in den stilistischen Bereich der Bildhauerei bringt, die im 20. Jahrhundert und daher auch noch heute Gegenstand einer lebhaften und leidenschaftlichen Diskussion ist. Ihr wurde Starrheit und Neigung zum rhetorischen Monumentalen nachgesagt, doch sie war imstande sich zu erneuern, indem sie sich als visuelle Installation als Schlüssel zur Erweiterung der physischen und geistigen Leiblichkeit, die über das Verhältnis zwischen Objekt und Raum hinausgeht, oder indem sie sich auf die Primarität des Archetypen berufen hat und einen bis dahin nicht existierenden Dialog zwischen Kunstwerk und Natur gesucht hat.
Das Werk Adriano Leverones liegt am Kreuzpunkt dieser Betrachtungen. Der Autor vereint seine bemerkenswerte technische Fertigkeit im traditionellen Stil mit der Produktion beweglicher und emporragender anikonischer Formen, sowohl monolithisch als auch auf die Dialektik zwischen Leere und Fülle und zwischen konvex und konkav gerichtet. Leverone ist imstande, die Materie zu formen und ihr Leben einzuhauchen, die Prozessualität der Natur nachzuahmen und ihr das Bewusstsein des Konzepts hinzufügen, das ihr nicht vergönnt ist.
Leverone ist ein unumstrittener Meister in mehreren Techniken, die auf ein einheitliches Resultat abzielen, angefangen bei der Keramik, über Gres-Keramik, Stein, Marmor und Granit, bis hin zu einem noblen und anspruchsvollen Material wie Bronze.

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