Taktile Vibrationen, die Energie der Materie

Die von Adriano Leverone im Park des Roentgen-Museums Neuwied ausgestellten Werke – deren harmonischer Aufbau durch einen bündigen und kohärenten Dialog zwischen den unterschiedlichen plastischen Erfahrungen strukturiert wird – legen ein weiteres Mal Zeugnis davon ab, wie sich seine künstlerische Produktivität in ihrer zehnjährigen Entwicklung einen konstanten Bezug zu einigen grundlegenden ästhetischen und operativen Grundprinzipien erhalten hat. Inspiriert wurden diese Werke durch den Erfolg eines Ausstellungsevents, das ihn gemeinsam mit dem jungen Komponisten Stefano Scala vor zwanzig Jahren als Protagonisten im Institut David Chiossone in Genua sah und eine suggestive und neuartige Erfahrung im Bereich der Erziehung und Rehabilitation von Blinden darstellte. Seitdem hat  Leverone diesen einmal beschrittenen Weg fortgesetzt und experimentiert beharrlich die Möglichkeiten des Ertastens der Formen und Oberflächenmaterialien aus. So werden in seinem kreativen Prozess noch unbekannte linguistische Ansätze aktiviert, die sich zu einer eigentümlichen und mitreißenden Wahrnehmungsdimension verdichten.
Schöpfer eines persönlichen Glossars an plastischen Formen, das im Laufe der Zeit seine ursprüngliche symbolische Ausdruckskraft verfeinert und dabei jedoch trotz allem seine idiomatischen Grundstrukturen beibehalten hat, findet man in seinen Forschungsarbeiten einen durchgängigen roten Faden. In der Tat bedeutet somit jeder formale Verarbeitungsschritt ein Einfügen eines neuen Einsatzstückes in seinem komplexen künstlerischen Projekt, das die hier zu sehende Ausstellung hinsichtlich ihrer unveröffentlichten linguistischen Öffnungen auf eine symbolische und synthetische Art widerspiegelt.
Wenn im Programm von Leverone die Gesamtheit der präsentierten Werke einen expressiven Zyklus abschließen will – in dem der Bildhauer in mehr oder weniger ersichtlicher Art seine eigene Biographie reflektiert – , so ist diese Ausstellung in der Lage, ein kritisches Nachdenken über die grundlegenden ästhetischen Antriebskräfte in dieser, auf ihrem Höhepunkt stehenden, Phase seiner Recherche anzuregen. Hierin fließen tatsächlich alle Spannungen seiner vorherigen Erfahrungen im Bereich der Bildhauerei und der Keramik zusammen und hieraus werden auch die zukünftigen Ergebnisse seiner Arbeiten hervorgehen.
Vor allem kann man eine radikale Umstellung in den ikonographischen und strukturellen Motiven seiner plastischen Themen ausmachen: Nach dem wiederkehrenden Thema der Saat, teilweise  verarbeitet in Formen, die die Kugelform des Apfels oder die des Meeresschwamms heraufbeschwören, symbolisiert  durch komplexe Lamellendarstellungen, hat Leverone in den jüngsten Bildhauerarbeiten angefangen, stolze und dramatische Kämpfer versehen mit einer Rüstung, Schildkröten geschützt durch resistente Rückenschilder, aggressive und tödliche Spitzen, die durch das grausame Durchdringen von Nägeln, Stangen und Pfeilen verkörpert werden, darzustellen, indem im Raum eine physische und energiegeladene Gestualität projiziert wird.
Abgesehen von ihrer mehr oder weniger erkennbaren symbolischen Inspiration, haben alle diese Werke in einem fortschreitenden Prozess der formalen Synthese eine konstante Spannung hin zu einer kompositorischen Abstraktion aufgezeigt, durch die Leverone, im Innern seines eigenen kreativen Wegs, jedes Hindernis mit Hilfe seiner ihm eigenen Besonderheit in der ästhetischen Teilung des künstlerischen Schaffensprozesses aus dem Weg geräumt hat.
Gleichzeitig hat der Künstler während der Verarbeitungsphasen seiner plastischen Recherche ein immer größeres Bewusstsein, eine selbstkritische Analyse über die eigenen linguistischen Möglichkeiten entwickelt, insbesondere hinsichtlich der Ausdruckskraft der Materialien. Der Kontrast zwischen Glätte und Rauheit der Oberflächen, der Gegensatz zwischen Spalten und Reliefs, durch die der Künstler einlädt, mit dem Tastsinn ihre plastischen Formen auszureizen. Oder schließlich das konfliktreiche Nebeneinander zwischen der Unebenheit der ziegelsteinfarbenen Erde und dem Schimmern des mattweißen Lacks in der imponierenden Skulptur mit dem Titel Vicari, Armigeri, die dazu beiträgt, die Zugehörigkeit zu einigen strengen Wirkungsprinzipien im Verlauf seiner künstlerischen Suche zu bestätigen. Auch wenn die Vereinigung verschiedener Materialien in der Vergangenheit eher durch zufällige Prozesse bestimmt zu sein schien, die der Künstler durch einen logischen analytischen Vergleich seiner linguistischen Instrumente einschränkte, ist der Auslöser der neueren Skulpturen, die hier zum Teil zum ersten Mal ausgestellt werden, organisiert durch eine operative Kontrolle, die in der Lage ist, übergeordnete Kompositionsschemen zu befolgen.
Die Struktur dieser Werke verweist auf Formen und Situationen von intensiver Dramatik, wie zum Beispiel die beunruhigende Suggestion der beiden düsteren und würdevollen Sarkophage. Der Künstler tendiert außerdem dazu, die Brutalität der Materie zu unterstreichen. Aus diesen Skulpturen scheint in der Tat immer deutlicher der klare Kontrast zwischen den verschiedenen Tonschichten zu Tage zu treten, die an der Oberfläche von einem schwarzen Überzug bedeckt werden, durch den die verschiedenen Tonalitäten hindurchschimmern.
In der Entwicklung eines solchen Arbeitsprozesses spielt  das außergewöhnliche technische Hintergrundwissen des Künstlers eine entscheidende Rolle, insbesondere seine Fähigkeit, sich anzupassen und zu inspirieren im Bereich der Steingutverarbeitung in großer Dimension, was seine jüngsten Beiträge auf internationalen Symposien in Japan, China, Südkorea und Frankreich belegen. Grundlegend ist auch seine profunde Kenntnis aller Verarbeitungsphasen seiner Werke, ob es sich nun um das Schmelzen der Bronze oder die Brennzeiten der Keramik handelt. Dies führte ihn zu einem weitreichenden Experiment, in dessen Verlauf er sich mit anspruchsvollen Anforderungen auseinandersetzte, wie zum Beispiel bei der Performance aus dem Jahr 1994 vor einem großen Publikum auf dem Platz vor der Kirche Sant’Agostino in Genua, während der er mit Hilfe der Raku-Technik fünf großartige Keramiksäulen verwirklichte.
Dieser reiche Schatz an künstlerischen Kenntnissen, gemeinsam mit einer besonderen Sensibilität für die Modellierung, aus der die unveröffentlichten plastischen Formen hervorgehen, die in einen Gefühlsraum projiziert werden, findet ihren Höhepunkt in dieser Ausstellung. Die Präsentation dieser komplexen und einzigartigen Installation will in der Tat mit Hilfe von engen stilistischen und ikonographischen Verweisen die homogene ästhetische Uniformität der einzelnen ausgewählten Stücke zeigen und bietet somit einen  reizvollen Hintergrund für die vibrierende Unruhe des Künstlers und seiner ihm eigenen Attitüde, Werke zu schaffen, die von allen geteilt werden können.
Matteo Fochessati

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